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Dienstag, Dezember 30, 2003


Action! Film Kino Kritik
Cast Away - Verschollen

Erschöpft wird Chuck Nolan an den perlmuttweißen Paradiesstrand gespült, vor ihm breitet sich tropisches Dickicht aus und das bedrohliche Brechen der Wellen ist das einzige Geräusch zwischen dem rettenden Eiland und dem Horizont irgendwo am Rande des endlosen Blaus.

Und erst jetzt, nachdem man das Leben des FedEx-Managers kennengelernt hat und er seinen Flugzeugabsturz mehr oder weniger unbeschadet überstehen konnte, ist man ebenfalls verschollen und die nächsten anderthalb Stunden mit
Tom Hanks alleine.
Schnell wird klar, dass der Traum von der Flucht auf eine einsame Insel mehr bedeutet als Sonne, Sand und Sorgenfreiheit. Es lauern schlimmere Gefahren in der Wildnis, als Sand im Po zu haben und während der Workaholic eine Welt gewohnt ist, in der sich 50% aller tödlichen Unfälle im eigenen Haushalt ereignen, regieren dort die Naturgesetze.

Natürlich hat jeder von uns eine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, ein Feuer ohne Streichhölzer anzuzünden oder einen Fisch mit bloßen Händen zu fangen. Daher ist Cast Away auch kein Abenteuerfilm im eigentlichen Sinne, sondern ein Schauspielerfilm, der von seinem Darsteller lebt.

Cast away - Verschollen - mit Tom Hanks von Robert Zemeckis - Video, DVD online bestellen Das Abenteuer liegt darin, ihn bei seiner Entwicklung vom vielbeschäftigten Großstädter zum isolierten Insulaner zu begleiten. Man nimmt an seiner wachsenden Einsamkeit teil und sieht, wie die Hoffnung, die ja bekanntlich immer als letztes stirbt, wieder und wieder über die Verzweiflung siegt, die sich drückend wie tropische Gewitterluft über Chuck Nolan legt.

Und diese Palette menschlicher Emotionen muss der Zuschauer allein im Allerweltsgesicht von Tom Hanks lesen. Denn außer der Gespräche mit Wilson, einem Basketball und zugleich einzigem Ansprechpartner, ist Cast Away fast ein moderner Stummfilm. Ein riskantes Vorhaben, welches leicht langweilig und langatmig hätte wirken können, aber letztendlich einmal mehr die Hochkarätigkeit Hanks unterstreicht.

Der paradiesische Spielort mit seiner exotischen Umgebung bildet einen idealen Hintergrund für sein Agieren. Dennoch sind Geschichte und Umgebung austauschbar. Die Attraktion des Films ist die schauspielerische Glanzleistung, vor allen Dingen bei einem vorhersehbaren Ende, welches derart offen gehalten wird, dass sich jeder seiner eigenen Happy End-Illusion hingeben kann. Dennoch ist man gerne mit Chuck Nolan verschollen gewesen, wäre ihm aber ebenso gern auf den Mond oder per Zeitreise in prähistorische Sümpfe vor Entstehung der Menschheit gefolgt, nur um ihn spielen zu sehen.

Maxi Braun

· amazon.de: Cast away - Verschollen (2 DVD's)
· Cast away - official Homepage

Mittwoch, Dezember 10, 2003


Action! Film Kino Kritik
Wilbur wants to kill himself - Nie war Verzweiflung so saukomisch

Wer diesen Fim gesehen hat, kann sich erleichtert zurücklehnen und behaupten: alles wird gut. Denn sollte Überschauspieler
Edward Norton versehentlich vor einen Bus laufen – in Jamie Sives hätte er einen würdigen Thronfolger. Sein Wilbur ist eine Reminiszenz an den schizoprehnen Norton aus Fight Club.

Wilbur wants to kill himself Wilbur ist jedoch eher suizidal denn schizophren. Vor allen Dingen der ältere Bruder Harbour leidet unter der Todessehnsucht seines einzigen verbliebenen Familienmitglieds, dessen Selbstmordversuche in ihrer Absurdität an die melancholische Hälfte des Duos Harold & Maude erinnern, aber todernst gemeint sind.

Dabei hätte die Geschichte, die sich die dänische Autorin und Regisseurin Lone Scherfig als Nachfolger ihres dogmatischen Abenteuerurlaubs Italienisch für Anfänger ausgesucht hat, leicht im zuckergussartigen Kitsch ersaufen können. Aber wie viele Independent-Filme lebt auch Wilbur wants to kill himself von den kleinen, kuriosen Ideen am Rande und den leisen Zwischentönen.

Da kann der arme Harbour (Adrian Rawlings) an unheilbarem Bauchspeicheldrüsenkrebs erkranken, oder der zynische Wilbur hinter seinem Rücken eine verschämte Affaire mit seiner frischgebackenen Schwägerin – als Harbours einzige Liebe holt die rehäugige Shirley Henderson dezent alles aus ihrer kleinen aber feinen Rolle heraus – beginnen, ohne das berechnende Sentimentalität oder Krokodilstränen von der Leinwand tropfen.

Gott sei Dank bietet die schlimmste Tragik auch das größte Potential für den bissigsten Humor. Diese Momente gebühren hier nun einmal dem noch unbekannten schottischen Mimen Jamie Sives.
Ob er als verbaler Kotzbrocken seine Mitleidenden aus der Suizidhilfegruppe zum Weinen bringt oder das erregte Ohrläppchengeknabber einer hoffnungslos verliebten Krankenschwester mit den Worten "Das ist ja ekelig. Du bist krank." beendet – niemand wird wollen, dass Wilbur es irgendwann schafft, sich umzubringen. So richtig eilig scheint er es damit auch nicht zu haben.

Wilbur begar selvmord – so im Original – hat den Titel zum Running Gag gemacht und dramatisiert eine bleischwere Familientragödie, die durch die Authentizität und Lebendigkeit ihrer Figuren federleicht wirkt.

Das Leben ist manchmal grausam und schrecklich gemein – aber wenigstens niemals langweilig.

· Offizielle deutsche Homepage
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Maxi Braun

Samstag, Dezember 06, 2003


Action! Film Kino Kritik
Leaving Las Vegas

Vorsicht, dies ist ein Film, bei dem Zuschauer schon einmal den Saal verlassen können. Vereinzelt, nicht in Scharen (und berechtigt) wie man es z.B. bei Natural Born Killers aufgrund der auf die Spitze getriebenen Brutalität eines wütenden
Oliver Stone oder spätestens der Übelkeit erregenden Schlussszene von Peter Greenaways Der Koch, der Dieb, seine Frau und Ihr Liebhaber erlebt hat. Bei Leaving Las Vegas verlassen vor allem frisch verliebte Päärchen das Kino. Dabei hätten sie nur etwas warten müssen. Denn dies ist durchaus ein Film über große Liebe.

Leaving Las Vegas von Mike Figgis u.a. mit Nicolas Cage, Elisabeth Shue, Julian Sands - Video, DVD online bestellen Doch man wird von Mike Figgis (Internal Affairs, One Night Stand) gleich in der ersten Szene vor den Kopf gestossen, in der er seinen Hauptdarsteller Ben (Nicolas Cage) beim "Einkaufen" zeigt. Offensichtlich gut gelaunt packt der Flasche um Flasche in den Einkaufswagen, so daß man meinen könnte, er plane eine Party zusammen mit Ozzy Osborne, Keith Richards und "Barfly" Charles Bukowski.

Bald wird klar, daß dies maximal eine Wochenration allein für Ben ist, der den Status eines gar nicht mal so selten vorkommenden Wochenend-Alkoholikers bereits weit überschritten hat. Ohne Spiegel geht bei ihm gar nichts mehr. Für eine simple Banküberweisung muß er sich in der Bar nebenan den Tremor wegtrinken.

Ob die Sauferei während oder aufgrund seiner gescheiterten Ehe begann, erfährt man womöglich in der gleichnamigen Novelle von John O'Brien; Regisseur Figgis liefert im Film keine hinreichende Begründung für den Amoklauf, die es vielleicht auch gar nicht gibt.
Als Ben aus verständlichen Gründen gekündigt wird, beschließt er, sich in Las Vegas zu Tode zu saufen. Ab jetzt werden wir von Figgis zu hilflosen Zeugen degradiert, die zuschauen müssen, mit welch erschreckender Konsequenz dieser ernst gemeinte Plan durchgeführt werden soll.

In Las Vegas angekommen, trifft Ben das gut verdienende, aber ebenso einsame Callgirl Sera. Zwischen den beiden verlorenen Seelen entwickelt sich eine Love-Story, die trotz der ergreifenden Traurigkeit des Plots Sehnsüchte nach kompromissloser Offenheit, Ehrlichkeit, Toleranz und Verständnis weckt.

Leaving Las Vegas von John O'Brien - Buch, Roman, Novelle online bestellen Leaving Las Vegas ist ein stark polarisierendes Kontrastprogramm zum üblichen "wann-kriegen-sie-sich-Geschnulze" Hollywoods. Farben, Locations, Musik (u.a. Sting), Schnitt und vor allem Nicolas Cage und Elisabeth Shue harmonieren perfekt.

Cage hat für diese relativ schlecht bezahlte Rolle einen Oscar als bester Hauptdarsteller erhalten. Es verwundert, daß seine attraktive Partnerin Shue (u.a. Karate Kid (1984), Cocktail (1988), Zurück in die Zukunft (1989+1990), Hollow Man (2000)) den richtigen Durchbruch bislang nicht erlangt hat oder will.

Gehört man zu der Zuschauergruppe, die sich zumindest in gewisser Weise mit dieser Beziehung identifizieren kann, erlebt man teilweise schwer erträgliche, erniedrigende Szenen. Die Story gönnt uns nur Minuten lang Illusionen. Man möchte sie am liebsten umbiegen, den Zerstörungstrieb von Ben in eine andere Richtung lenken.
Doch der ist gnadenlos - gnadenlos gut.


John O'Brien hat das gleichnamige Buch 1991 geschrieben. Vor Beginn der Dreharbeiten des 1995 erschienenen Films hat er sich im Alter von 33 Jahren umgebracht.

· time.com: John O'Brien left behind another dark tale of the drinking life
· imdb.com: Leaving Las Vegas
· amazon.de: Leaving Las Vegas: DVD - Soundtrack - Buch von John O'Brien
· Google: Las Vegas Links

 

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