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Mittwoch, April 21, 2004


Action! Film Kino Kritik
Big Fish - LSD-Trip ohne Nebenwirkungen

Tim Burton ist ein Phantast, dessen Filme meist durch morbiden (Sleepy Hollow) bis absurden (Beetlejuice) Charme faszinieren. Bisher schuf er düstere Märchen, deren Weg zum Happy End er nur zu gerne mit Alpträumen und manchmal auch Leichen pflasterte.

Big Fish von Tim Burton u.a. mit Ewan McGregor, Albert Finney, Billy Crudup, Jessica Lange, Helena Bonham Carter - DVD, Video, VHS online bestellen Big Fish (2003) ist anders. Vielleicht liegt es daran, dass Burton unlängst Vater geworden ist und sich Tote in der Bürokratenhölle oder Scherenhändige Aussenseiter schlecht auf der Bettkante der Allerkleinsten erzählen lassen. Vielleicht wollte er auch einmal die unterschwellige Wärme seiner bisherigen Filme offen zur Schau stellen.

Dabei hätte die Romanvorlage von Daniel Wallace mit Riesen, sich in Werwölfe verwandelnden Zirkusdirektoren und Springspinnen viel Potenzial für eine weit schwärzere Erzählweise und Bildsprache geboten.

Edward Blooms Sohn (ein zurückhaltender, sensibler Part für Billy Crudup) hält seinen Vater für eine Art Münchhausen. Dessen versponnenen, seiner Meinung nach frei erfundenen Anekdoten hängen ihm zum Hals heraus und haben ihn zu einem rationalen, spassbremsigen Pragmatiker gemacht. Erst als er am Sterbebett versucht, das wahre Wesen seines Vaters zu verstehen, wird er begreifen, dass die Wirklichkeit niemals ohne die Phantasie existieren könnte.

Trainspotting von Danny Boyle u.a. mit Ewan McGregor, Robert Carlyle - DVD, Video, VHS online bestellen Wir begleiten Ewan McGregor wie auf einer Sightseeing-Tour in Cinderellas Kürbis-Kutsche durch sein Leben. Der gibt den jungen Bloom, als wäre er auf einem besseren Trip als Renton ihn in Trainspotting je gehabt haben dürfte.

Der smarte Schotte ist mit der wichtigste Faktor für den sprühenden Optimismus des Films. Zwar singt und tanzt er nicht wie unlängt in Down with Love, scheint aber Geschmack an den strahlenden Flamboyants gefunden zu haben. Jungenhaft lächelt er alle Probleme einfach weg und fast geht er damit schon auf die Nerven. Würde er nicht in der nächsten Sekunde ein noch breiteres Grinsen aufsetzen und uns besänftigen.

Ewan McGregor in Big Fish - DVD, Video, VHS online bestellen Die fragmentartig nachgezeichnete Biographie Blooms ist dabei so fantastisch wie unlogisch.
Aber unabhängig davon, ob er in einem utopischen Dorf strandet, in dem alle barfuss laufen und Steve Buscemi als debiler Dichter seit 12 Jahren an einer einzigen Zeile feilt, oder Bloom im Krieg von siamesischen Zwillingen vor der Gefangenschaft gerettet wird - jede der Episoden scheint einen wahren Kern zu haben.

Mit Big Fish hat Burton einen ruhigen, fast poetischen Film gezaubert, dem selbst seine Kritiker keine alberne Überdrehtheit, sondern höchstens grenzenlose Naivität vorwerfen können.

Doch gerade diese Unschuld schafft ein wundersames Konglomerat aus Elfen und Trollen, die, obwohl sie in traumartig anmutende Bilder eingefroren sind, so authentisch wirken, als könnte man diesen Fabelwesen selbst überall begegnen - würde man sich nur die Zeit nehmen, sie zu bemerken.

Wenn die verschiedenen Versionen der Wirklichkeit am Grab des alten Bloom (rührend: Albert Finney) zu einer tieferen Wahrheit verschmelzen, scheinen sich auch die Seelen in Tim Burtons Brust zu vereinen.

Nach der missglückten Schlachtung der heiligen Planet of the Apes-Kuh kann verkündet werden: Burton is Back!
Mit Big Fish träumt Burton einen Traum, aus dem man nicht erwachen möchte.


Maxi Braun

· amazon.de: Big Fish DVD - Soundtrack - Ewan McGregor - Tim Burton
· offizielle deutsche Big-Fish-Website
· offizielle amerikanische Big-Fish-Website
· spiegel.de: Interview mit Tim Burton

Mittwoch, April 14, 2004


Action! Film Kino Kritik
Being Charlie Kaufman - TV-Tipp Freitag, 16. April

Charlie Kaufman (Being John Malkovich) 1958 spuckte die Natur in New York den kleinen
Charlie Kaufman ins Rampenlicht dieser Welt. Seitdem scheint es sich Amerikas originellster Drehbuchautor zur Aufgabe gemacht zu haben, den menschlichen Verstand zu sezieren. Geschickt tranchiert er dabei um die gesunden Hirnpartien herum, nur um den laut pulsierenden Wahnsinn aus uns heraus zu kitzeln und mit seinen chaotischen Farben die Leinwände zu bepinseln.

Sein Äquivalent auf dem Regiestuhl fand er in Spike Jonze, einem ähnlich ausgeflippten jungen Mann, der bis dato nicht weniger skurrile Musikclips (u.a. für Björk und die Beastie Boys) kreiert hatte.

Spike Jonze (Being John Malkovich) Zusammen ebneten sie den Weg in eine neue Absurdität, zu der das Publikum so zuvor nie eingeladen worden war - was Being John Malkovich zu einer Premiere im vielfachen Sinne macht; basierend auf dem ersten Originalskript Kaufmans und von Regiedebütant Jonze in surrealistische Szene gesetzt.

Craig (John Cusack) ist darin ein erfolgloser Puppenspieler, seine Frau Lotte (der Abspann besagt, es handelt sich hierbei um Cameron Diaz - zu erkennen ist sie kaum) will aber ihre unzähligen exotischen Tiere gefüttert haben ...

Daher muss er bis zum Durchbruch im Stock 7 1/2 eines Hochhauses einen öden Bürojob aussitzen. Dort findet er auch eine hinter einem alten Aktenschrank verborgene Tür, die direkt in John Malkovichs Kopf führt. 15 Minuten darf sich dort jeder Gast in dessen Psyche herumtreiben, seine Sinne benutzen und sich wie der Star fühlen, bis er rüde herausgeschmissen wird und auf einem Highway landet.

Being John Malkovich - u.a John Malkovich, John Cusack, Cameron Diaz von Spike Jonze - Video, DVD online bestellen Doch Craig kann die Klappe natürlich nicht halten und bald wollen alle einmal die Welt durch die Augen des Schauspielers erleben. Nicht zuletzt testet John Malkovich selbst die Tür in sein Ich.

Wieso also nicht richtig abkassieren, die Meute zahlt gut, um quasi "vor Ort" nach Leichen in den Kellergewölben von Malkovichs Unterbewusstsein zu stochern.

Wer jetzt noch fragt, was zur Hölle ein halbes Stockwerk ist und warum die vergessene Pforte ausgerechnet in John Malkovichs Schädel führen muss, sollte Freitag besser früh ins Bett gehen.

Denn wen dies bereits irritiert, der wird für Lottes Dilemma, die sich in Malkovichs Kopf in eine andere Frau verliebt und sich fortan fragt, ob sie nun lesbisch, hetero oder transsexuell ist, nur ein Schulterzucken übrig haben. Was wirklich hinter allem steckt, ist kaum mit Worten zu beschreiben.

Kaufmans Ideen, die indes mit der Adaption von Chuck Barris Roman Confessions of a dangerous Mind und Adaption (auch unter der Regie von Spike Jonze) zu einer beinahe geradlinigen Form gefunden haben, sind nicht jedermanns Geschmack. Bestenfalls sind sie konfus, oft ergeben sie für uns Normalsterbliche überhaupt keinen Sinn.

Im Kern aber handeln alle Kaufman-Geschichten von der Komplexität des menschlichen Geistes, der inneren Zerrissenheit und der Absurdität unseres Lebens, die jede noch so krude Hollywood-Mixtur in den Schatten zu stellen vermag. Spike Jonze verschränkt mit seiner Inszenierung derweil spitzbübisch grinsend die Arme und will auch keinerlei Verständnishilfe liefern.

John Malkovich Dieser Phantasie-Punsch macht Being John Malkovich zu einem Film, der so undurchschaubar wie Lynchs Alpträume und Kubricks Gesellschaftskritik ist, jedoch statt zu beunruhigen, amüsiert, ohne oberflächlich zu sein.

Abschließend bleibt die Frage: Was wäre passiert, wenn John Malkovich, der hier eine verletzliche Version seiner selbst gibt und brilliant (seinen Verstand) zu verlieren droht, den Part abgelehnt hätte?

Wäre dann Being George Clooney oder vielleicht Being Nicholas Cage daraus geworden? Wir werden es wohl nie erfahren.

Ich wünsche mir derweil eine Tür, die in das Labyrinth von Charlie Kaufmans Verstand führt - erst recht auf die Gefahr hin, nie wieder hinaus zu finden!


Maxi Braun

PS: Am 20.Mai erscheint Eternal Sunshine of the Spotless Mind - ebenfalls auf einem Kaufmanschen Screenplay basierend, der an dieser Stelle pünktlich zum Kinostart besprochen wird.

· Mehr über Stories von Kaufman und über Spike Jonze im Forum!

· Being John Malkovich DVD - VHS - Soundtrack

Dienstag, April 06, 2004


Action! Film Kino Kritik
TV-Review: Luis Bunuel: Dieses obskure Objekt der Begierde

Luis Bunuel: Dieses obskure Objekt der Begierde - Video, DVD online bestellen Luis Bunuels (u.a. Der andalusische Hund) Rahmenerzählung beginnt mit einer absurden Szene: zur Abreise bereit, schaut ein in die Jahre gekommener, französischer Geschäftsmann noch dem Treiben auf dem Bahnsteig zu. Als dort eine junge, attraktive Frau erscheint, besorgt er sich einen Eimer Wasser, den er kurzerhand über ihr entleert.

Sichtlich erleichtert kehrt er in sein Abteil zurück, in dem die Mitreisenden vor Neugierde über den Grund des gerade Geschehenen beinahe platzen. Nur das Kind der gegenüber sitzenden Frau traut sich nach einer Zeit, die im Raum stehende Frage zu stellen, was denn der Grund dafür gewesen sei. Als auch der Sitznachbar, ein kleinwüchsiger Professor der Psychologie, drängend insistiert, ist der distinguierte Mathieu (Fernando Rey) gerne bereit, der illustren Gesellschaft seine Geschichte ausführlich zu erzählen.

Bei der jungen Frau am Bahnhof handelte es sich um sein ehemaliges Dienstmädchen, dessen Schönheit und Anmut ihn vom ersten Augenblick an verzauberte. Doch die verweigert ihm sein Verlangen beim ersten Annäherungsversuch und kündigt kommentarlos am nächsten Tag.

Luis Bunuel: Dieses obskure Objekt der Begierde - Video, DVD online bestellen Mit der Arroganz des wohlhabenden Großbürgers, des Bourgeois, versucht Mathieu fortan, sich die Zuneigung von Conchita zu erkaufen, die in ärmlichen Verhältnissen scheinbar arbeitslos allein mit ihrer Mutter lebt. Geld, Lebensmittel, Wohnung, Haus.

Ihre Reaktion ist verführerisch und abweisend zugleich - und das wird auch so bleiben. Sie sagt es sogar ganz deutlich: "wenn ich mich dir ganz hingebe, wirst Du mich nicht mehr lieben."

Immer neue Gründe gibt es, die Mathieu an der Befriedigung seiner Begierde hindern sollen. Zunächst ein undurchdringliches Korsett, quasi ein Keuschheitsgürtel, am nächsten Abend allgemeine Unbefindlichkeit, dann wieder klare Abweisung usw. usf.

Nein, dieser Mann ist nicht ganz blöd, diese Frau nicht engelsgleich, zwischendurch wird er offensichtlich immer wieder aufgereizt - und ich kenne wenige Artgenossen, die dem nicht aufgeschlossen wären ...

Luis Bunuel: Dieses obskure Objekt der Begierde - Video, DVD online bestellen Bunuel geht filmisch bei der Darstellung der zwei Gesichter dieser Frau so weit, wie ich es zuvor noch nie gesehen habe; in den ersten Minuten wurde es vom Autoren dieser Zeilen gar als technische Korrektur eines späten Schauspielerwechsels (aufgrund Krankheit, Vertragskündigung o.ä.) angesehen:
Die Rolle der Conchita wird abwechselnd von zwei Frauen dargestellt: der eher unnahbare Part von Carole Bouquet, der der rassigen Spanierin von Angela Molina - wobei man eigentlich keiner der Beiden einen eindeutigen Charakterzug nachsagen kann - es variiert, es verwirrt.

Eines ist sicher - das dämonische Spiel von Conchita dürfte nicht nur Mathieu sondern allen männlichen Zuschauern die Schweißperlen auf die Stirn treiben.


Cet obscur objet du désir (1977) ist der letzte Film der im Jahr 1900 geborenen Filmlegende, Luis Bunuel ist 1983 verstorben.

· amazon.de: Luis Bunuel
· imdb.com: Cet obscur objet du désir
· google.de: Luis Bunuel

 

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