The Mothman Prophecies - Mothman Prophezeiungen - Tödliche Visionen

Psychologischer, subtiler Horror hat Hochkonjunktur auf den Leinwänden dieser Welt sowie in unseren Köpfen. Erst verneigte sich ein gewisser Alejandro Amenabar mit The Others tief vor Altmeister Hitchcock, dann hatte Cameron Crowe große Freude daran, Tom Cruise durch ein albtraumartiges Labyrinth zu schubsen (Vanilla Sky, beide 2001).

Arlington Road von Mark Pellington mit Tim Robbins, Jeff Bridges u.a. - Film, DVD, Video - online bestellen Das Publikum fürchtet sich lieber wieder vor dem, was es nicht sieht, anstatt beim Anblick spritzender Blut-Geysire zusammenzuzucken. Ein Paradebeispiel dieses ästhetischen Grusel ist The Mothman Prophecies (USA, 2002). Und eines haben die Prophezeihungen des Regisseurs Mark Pellington, der zuvor schon einmal auf der Arlington Road (1999) in die Abgründe der Menschheit spaziert ist, ihren Wegbereitern vorraus: Sie leben nicht vom einmaligen Überraschungseffekt allein.

Weiß man erst, dass Nicole Kidman und ihre Brut im nebulösen Herrenhaus von Anfang an Geister sind, braucht man sich um ihr Wohlergehen keine Sorgen mehr zu machen. Hat man spitzgekriegt, dass Mr.Cruise alles nur geträumt hat, kann man sich selbst bedenkenlos sagen, open your eyes!

The Mothman Prophecies ist jedoch auch beim dritten und vierten Mal noch spannend – obwohl man wie bei allen Prophezeiungen das Ende bereits kennt. Dieser Film ist ein Panther. Er schleicht sich langsam in das Unterbewusstsein hinein, umkreist seine Opfer und schlägt plötzlich aus dem toten Winkel zu.

The Mothman Prophecies / Prophezeiungen - Richard Gere - Film, DVD, Video - online bestellen Wie ein Raubtier sehen wir nach dessen erster Attacke auf das Ehepaar John (Richard Gere) und Mary Klein (Debra Messing) herab und Mary beim Sterben zu. Wir beobachten aus sicherer Entfernung, wie John an ihrem Bett kauert, bis wir genau zwischen beiden sitzen und die Nähe unerträglich wird. Eine Nähe, die Pellington mit unzähligen Close-Ups im Verlauf des Films bis zum Äußersten reizt. Das hätte leicht ins Auge gehen können, wenn nicht sämtliche Darsteller agierten, als ginge es um Leben und Tod.Unter mysteriösen Umständen folgen wir John zwei Jahre darauf nach West Virginia, wo die Unmöglichlichkeiten ihren Lauf nehmen.

Wer oder was ist Indrid Cold wirklich? Ein Dämon? Ein Engel? Johns verstorbene Frau Mary? Die Gestalt bleibt schemenhaft, wie ein Umriss, ein flüchtiger Schatten, der an dem blinden Fleck unserer Iris innehält, um uns fröhlich zuzuwinken.Ob der die Tonbänder mit Indrids Stimme untersuchende Akustik-Experte vielsagend fragt: "Warum glauben sie, das es ein Mann ist, John?", oder der am schlimmsten unter seiner Funktion als Medium leidende Gordon Smallwood an Erfrierungen, ja an der Kälte stirbt, während er auf Cold wartet? Wir werden es nie erfahren, Gott sei Dank, oder besser: Pellington sei Dank.

Die Feinheiten, welche wie der Flügelschlag eines Schmetterlings ganze Welten durcheinander wirbeln können, machen den Reiz aus. Wenn John Klein vor einem Spiegel steht und sein Abbild immer einen Hauch schneller ist als er, ohne dass er und die meisten Zuschauer es gemerkt haben dürften, dann darf erst von Subtilität gesprochen werden.Bis plötzlich die Handlung auf einem Geparden daher reitet, wenn Mary – zwei Jahre nach ihrem Tod – neben John im Bett liegt und ihm ohne Lippenbewegung zuflüstert: "Ich will, dass du immer glücklich bist."

Debra Messing, deren Auftritt mehr ein Cameo als eine Rolle ist, lässt einem sämtliche Körperhaare zu Berge stehen. Mit grenzenlosem Minimalismus taucht sie auf, schwebt sie, ist sie schlicht mit der Dauer eines Lidschlags präsent. Tiefgrüne Augen, flüchtige Blicke, mehr braucht es nicht, um jedem Sitcom–Junky ein für alle Mal die Freude an Will & Grace zu verderben, wo Messing die lebenslutige Designerin mimt.

The Mothman Prophecies / Tödliche Visionen - John A. Keel - Buch, Roman, Filmbuch online bestellen Worauf The Mothman Prophecies am Ende hinausläuft, ist dann wieder so klar, wie Menschen Dinge nur komplizieren können. Alle Visionen, Träume und Erscheinungen, die Laura Linney und Richard Gere im Verlauf erleben, scheinen die ganze Zeit wie ein Haufen die simpelste Lösung verdeckt zu haben: John überwindet Marys Tod und ist bereit, ein neues Leben zu beginnen – was aber erst durch eben diese Irrungen und Wirrungen möglich wird. Wir folgen ihnen dennoch gern auf diesem Pfad, weil die Chemie Gere/Linney einen stärkeren Eindruck hinterlässt als anno 1996 in Primal Fear.

So sind die einzigen Zeilen, die in Mothman Prophecies das Visuelle dominieren dürfen, auch in die für uns Normalsterbliche angenehm helle und übersichtliche Kulisse einer Großstadt eingebettet. Das Gleichnis des Fensterputzers, der nur aufgrund seiner Position einen besseren Überblick über die Realität hat, ist so erlösend einfach und verstrickt doch in soviele Interpretationsfäden.

Religiöse Menschen werden das Ende des Films als göttliche Fügung betrachten. Atheisten könnten über Begriffe wie Wahrnehmung, Dimensionen, Perspektiven direkt in einen Diskurs über Platos Höhlengleichnis gelangen. Und wieder andere werden sich auf Parapsychologie und MuFon berufen.Was Pellington dazu sagen würde? Haben sie schon mal versucht, einem Kakerlak zu erklären, wer sie sind?

Maxi Braun

imdb Info: The Mothman Prophecies (USA, 2002)

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