No Country for Old Men

Hetzjagd im Zeitlupentempo

Kopf oder Zahl? Zufall oder Schicksal? Gut oder Böse? Antworten auf diese elementaren Fragen finden sich bestenfalls auf einer philosophischen Ebene, die abstrakt und theoretisch in einer anderen Galaxie beheimatet scheint als der Planet der Gebrüder Coen. Mit No Country for old Men gelingt es dem Regieduo nach diversen Flops wieder, das rohe, grausame und unberechenbare Leben jenseits von Moral und Ethik für knappe zwei Stunden einzufangen und an alte Erfolge anzuknüpfen.

Cormac McCarthy - Kein Land für alte Männer - Buch Roman - online bestellen Die Romanvorlage des Pulitzer-Preis dekorierten Autors Cormac McCarthy, auf der der Film basiert, wird nicht grundlos zur Gattung des natürlichen Verismus gezählt, denn die Geschichte erinnert an den simplen Aufbau eines Naturfilms: Llewelyn Moss (Josh Brolin) erbeutet einen vermeintlich herrenlosen Koffer voller Geld in der Wüste und versucht, sich mit satten zwei Millionen Dollar abzusetzen. Der Killer mit dem ungewöhnlichen Namen Chigurh nimmt sofort und unbarmherzig die Verfolgung auf.

Doch im Gegensatz zu kniffeligen Genreverwandten, in denen Bauernschläue, Dreistigkeit und jede Menge Glück den zuvor braven Bürger aus der Bredouille retten und natürliche, ausgleichende Gerechtigkeit vortäuschen, sind die Coens nicht unbedingt für Gnade mit ihren Protagonisten bekannt.
Wer ist aber in dieser wortkargen Hetzjagd im Zeitlupentempo eigentlich der Protagonist? Denn wie in jedem hochwertigen Tierfilm scheinen die Coens das Geschehen ohne erkennbare Sympathie nüchtern festzuhalten.

Ihre wortkargen Kompositionen texanischer Wildnis oder die Kluften von Tommy Lee Jones Grand-Canyon-Visage erzählen dabei mit spartanischen Dialogen die zeitlose, spezienübergreifende Geschichte vom Jäger und Gejagten.

No Country for old Men - DVD Film - online bestellen Josh Brolin, seit Robert Rodriguez Planet Terror dankenswerterweise wieder aus der unbeachteten, breiigen Masse mittelmäßiger Filme auferstanden, bleibt bei aller anfänglichen Raffinesse ein Jedermann, der die Gefahr viel zu spät erkennt. Je geringer der Abstand zwischen ihm und seinem Verfolger wird, desto mehr reduzieren die Coens auch die räumlichen Dimensionen ihrer Wüstenfabel. Die grenzenlosen Ebenen in der Weite Texas schrumpfen auf die Größe eines Käfigs zusammen, in dem sich Moss bald nicht mehr verstecken kann.

Anton Chigurh (Javier Bardem) ist dabei wie ein Puma, der einer für ihn gut sichtbaren Fährte folgt, ohne sich ständig ängstlich umschauen zu müssen. Nie verliert er dabei die Ruhe, jedes (menschliche) Hindernis wird ohne emotionales Aufheben überwunden. Chigurh, dem der Spanier Javier Bardem sein kantiges Gesicht leiht, ist kein Killer wie wir ihn aus unzähligen Thrillern und Gangsterfilmen kennen. Im Gegensatz zu Hannibal Lector oder Bret Easton Ellis' Buddy Patrick Bateman ist Chigurh kein soziopathisches Scheusal, dass man umso anziehender findet, je mehr man es fürchtet. Er ist auch nicht das pure Böse, komprimiert in einer Person ohne menschliche Gefühle wie Reue oder Mitleid. Chigurh ist viel schlimmer, denn er ist ein Profi.

Alles, was er tut, ist präzise, kontrolliert und von seinem Standpunkt aus nachvollziehbar, so als würde er Jahrtausende alten Instinkten folgen. Selbst in den hektischsten, klaustrophobischsten Momenten von No Country for old Men verliert er niemals sein Ziel aus den Augen und vermag dieses flexibel auf die darwinsche Formel vom Überleben des Stärkeren runterzubrechen.

Im Gegensatz zum atemlosen Zuschauer, der, zur Passivität verdammt, mit einem Mal nicht mehr weiß, mit wem er fiebern soll - dem naiven, kleinen Mann, der nur einen Steinwurf vom sorglosen Leben in unverhofftem Reichtum entfernt ist oder seinem Jäger. Bevor man im letzten Drittel des Films brutal von den Coens auf eine der beiden Seiten katapultiert wird.

In der ausweglosen Situation bildet einzig Tommy Lee Jones' Figur eines von der Bösartigkeit der Menschheit desillusionierten Sheriffs einen geringen Halt. Wie ein umgekehrter Bernhard Grzimek ist er ein stiller Beobachter und kommentiert die übel deformierte Natur des Menschen, ohne in den Verlauf der Handlung eingreifen zu können.

Intolerable Cruelty - DVD Film - online bestellen Gewann man in zuletzt mäßigen Komödien wie Intolerable Cruelty und Ladykillers den Eindruck, die Coens hätten ihren Biss verloren und sich in eine heile Welt zurückgezogen, kehren sie mit No Country for old Men zu ihren Ursprüngen zurück. Doch wo der tiefschwarze, lakonische Humor in Millers Crossing und vor allen Dingen Fargo noch ein wenig Hoffnung versprach, bleibt hier nur das schiere Entsetzen eines ausweglosen Dilemmas, das in einem reißenden Strudel Kollateralschäden verursacht, die der Menschheit nichts, dem Individuum jedoch alles bedeuten können.

Blood Simple - DVD Film - online bestellen Ein knappes Vierteljahrhundert nach Blood Simple sind Joel und Ethan Coen alles andere als versöhnlich und altersmilde. Wer die bedrückende Atmosphäre von No Country for old Men auf sich wirken lässt, mag in dem defätistischen Sheriff Bell (Tommy Lee Jones) gar ein Alter Ego der Gebrüder Coen entdecken, der stellvertretend und bei aller Ohnmacht sein Unverständnis kund tut.
Denn eines unterscheidet auch bei den Coens das instiktiv handelnde Tier vom animalischen Menschen: Der Killer Chigurh scheint bei aller Mordroutine noch ein Quentchen Menschlichkeit behalten zu haben, da er das Überleben mancher Opfer von dem Wurf einer Münze abhängig macht. Mit der Wahl für Kopf oder Zahl lässt er einige von ihnen ihr Schicksal selbst besiegeln, d.h. er lässt den Zufall entscheiden.

Womit wir wieder bei der philosophischen Ausgangsfrage angelangt wären. Universale Moral oder Gerechtigkeit bleiben somit nur eine abstrakte Theorie und die Frage danach vielleicht auch das Einzige, was uns letztendlich von den Tieren unterscheidet - ein äußerst geringer Trost, der doch eine Erklärung für vieles in der Welt sein könnte.

Maxi Braun

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