Interview mit Neue Massenproduktion

neuemassenproduktion.de - Kurzfilmer Sascha M. Dornhöfer und Alexandra Rothert Daß sich ein Filmfan vorstellt, doch etwas selbst zu drehen, kommt sicher häufiger vor. Digitalkameras und schnelle PCs zur Schnittbearbeitung sind erschwinglich geworden, der Kurzfilm böte sich für den Anfang an.

Das Psychologen-Pärchen Sascha M. Dornhöfer (33) und Alexandra Rothert (32) aus Dresden - siehe Bild rechts - macht es vor. Seit September 2003 bieten die Beiden auf ihrer Website neuemassenproduktion.de ein umfangreiches Repertoire von Kurzfilmen an, die so skurril sind wie die Merchandising-Produkte im angeschlossenen Fan Shop. Unter anderem wird man mit Mutantenhöfer, Hochwasser-Hulk und Orangensaft-Gringo konfrontiert.

Wer kreativ sein will, muss leiden - die Protagonisten der Kurzfilme werden von den Dresdnern vorwiegend selbst gespielt (beide zusammen bisher in Die Reisenden, Hello Wien, Achsensprung und Contagious).

film-sprache.de hat die Macher von neuemassenproduktion.de exclusiv interviewt.

film-sprache.de: Ok, nun läuft das renommierte Kurzfilme-Festival in Oberhausen und wir können uns vorstellen, daß es nicht so einfach ist, dort mit Eigenproduktionen präsent zu sein. Wie steht Ihr zu den KuFi-Tagen OB, machen die alles richtig oder könnte man Eurer Einschätzung etwas besser machen?

neuemassenproduktion.de: Von uns wurde nichts angenommen, was uns aber nicht im geringsten stört. Denn im Gegensatz zu anderen Festivals bei denen irgendwelche Quoten zu Lasten der Qualität erfüllt werden, kann man in Oberhausen davon ausgehen, dass andere einfach besser waren - was uns im Übrigen bei mehr als 5000 Einreichungen nicht sonderlich wundern würde ;-).

Unserer bescheidenen Meinung nach war und ist Oberhausen eines der interessantesten Kurzfilm-Festivals. Noch immer scheinen sie dort ernsthaft und vorurteilsfrei auf der Suche nach etwas Neuem zu sein - entsprechend dem letzten Satz im Oberhausener Manifest: "Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen".

Obwohl wir noch nie dort waren, wissen wir, was dort so lief und läuft und es ist doch in der Regel sehr viel erfrischender als irgendwelche Abschlußfilme von irgendwelchen Filmhochschulen, die man sonst oft sehen muß. Sehr sehr viel erfrischender. Wenn nicht sogar sehr sehr sehr viel erfrischender. Was die da organisatorisch, wirtschaftlich usw. richtig bzw. falsch machen, kann ich nicht sagen... Die Einreichungsbedingungen waren jedenfalls angenehm liberal.

film-sprache.de: Den Eindruck haben wir vom KuFi-Festival Oberhausen auch.
Wie kommt man eigentlich dazu, als diplomiertes Psychologen-Pärchen mit festem (nehmen wir an) bzw. demnächst sicher krisensicherem Job, Kurzfilme zu drehen?

neuemassenproduktion.de: Dass wir hochkarätige Wissenschaftler sind, die natürlich immer und überall einen Job bekommen, hat mit der Filmerei eigentlich nichts zu tun - obwohl wir uns auch beruflich überwiegend mit visueller Wahrnehmung beschäftigen. Filme machen wir, weil wir Filme über alles lieben, die Technik es mittlerweile zuläßt und vor allem weil wir sonst an einem Ideen-Overkill sterben würden.

Kurzfilme sind es zur Zeit noch, weil wir da schnell nach Feierabend unsere Ideen abbauen können. Wir würden uns selbstverständlich mehr Mühe geben und womöglich 8 Stunden Epen drehen, wenn uns jemand dafür bezahlen würde. Das war übrigens eine versteckte Aufforderung - an wen auch immer.

film-sprache.de: Habt Ihr schon eine konkrete Idee oder in welchem Genre würde Euer erstes größeres Projekt laufen, wenn Ihr einen Finanzier fändet?

neuemassenproduktion.de: In unseren Tresoren liegen ein paar Exposes für Supermegablockbusterfilme, ein fertiges Drehbuch und zwei Konzepte für TV- und Radio-Shows. Den Kram werden wir bei Gelegenheit bei Filmförderungen, Studios bzw. Sendern einreichen oder einem befreundeten Produzenten mit Hollywood-Erfahrung aufhalsen – und letztendlich mit ziemlicher Sicherheit stinkreich werden.

Im Moment schreiben wir mit einem Münchner Journalisten am Drehbuch für Zabibah und der König, einem Märchen von Saddam Hussein (kürzlich erschienen im Thomas Bauer Verlag), dass wir unter Zuhilfenahme von ein paar - selbstverständlich von uns gar nicht oder unterbezahlten - Profis verfilmen werden. Frühestens Anfang nächsten Jahres, wahrscheinlich in Marokko – und mit dem für uns so typischen hintergründigem Humor. Politisch unmotivierte Geldgeber sind jederzeit willkommen.

film-sprache.de: Das klingt, als hätte die Welt noch eine Menge von Euch zu erwarten, und es freut uns, daß Ihr Euch nicht scheut, auch so heiße Eisen wie Zabibah und der König anzugehen. ;O)
Wie lange dauert so eine Produktion eines Kurzfilms, bis der veröffentlicht werden kann - Vorbereitung, Aufnahme, Schnitt ... z.B. für Hello Wien?

neuemassenproduktion.de: Das ist unterschiedlich. Meistens reift eine Idee innerhalb von ein paar Tagen (manchmal allerdings auch Wochen) zu einem fertigen "Film im Kopf" heran. Wir wissen dann ziemlich genau, wie das fertige Produkt aussehen soll - inklusive der Schnitte, Effekte und der Musik etc. Dann wird gedreht. Das kann 5 Minuten dauern (Nixfürkids) oder sich über 3-4 Tage a 4 Stunden ziehen, was bei Hello Wien der Fall war. Anfangs - auch bei Hello Wien - drehten wir komplett ohne Drehbuch und Storyboard.

Bei "Rendezvous 2er Menschen" arbeiteten wir erstmals mit beidem und drehten den Film zu dritt in 4 Stunden und ungewohnt stressfrei ab. Seit dieser ökonomischen und gesundheitsförderlichen Erkenntnis gehen wir organisierter vor. Vorbereitung und Organisierung an sich sind natürlich zeitlich nicht zu unterschätzen (Wetter, Location, Ausstattung, Schauspieler etc.).

Schnitt und Postproduktion dauern jedoch mit Abstand am längsten. Hello Wien dauerte etwa 20 Stunden, Rendezvous 2er Menschen mit Nachsynchronisieren 40, Puzzle King, bei dem jedes Geräusch neu vertont wurde (da sonst am Ton sofort erkannt worden wäre, dass der Film rückwärts gezeigt wird) 50. Am längsten dauerte bisher - mit über 60 Stunden - Deep Fritz.

film-sprache.de: Als ich mich vor ca. 10 Jahren erstmals für digitalen Schnitt interessiert habe, kostete so ein Equipment noch ein kleines Vermögen. Ab welcher Preisklasse kann man heutzutage einsteigen, was sollte die Kamera, was die Software kosten? Auf was sollte man unbedingt achten?

neuemassenproduktion.de: Man braucht eigentlich nur noch einen halbwegs schnellen Rechner, eine Digicam – (beides mit Firewire-Anschluss) und Schnittsoftware, die man schon für ein paar Euro bekommt. Digicams bekommt man ab 500 Euro – ich würde jedoch zu einer 3-Chip Kamera raten und darauf achten, dass die gute einen optischen Bildstabilisator hat. Sowas gibt’s dann ab etwa 1500 Euro.

Wenn man schließlich feststellt, dass man zu untalentiert ist einen Film zu machen oder irgendwie doch keine Lust oder Zeit hat (letzteres ist ja heutzutage die beliebteste Ausrede – daher an dieser Stelle unser ökonomischer Tipp der Woche: Biertrinken mit der Filmerei verbinden) verkauft man das Teil halt auf Ebay – und schaut neidisch unsere Filme.

Wenn man hingegen Spaß an der Sache hat, kann man in jeder Hinsicht teuer aufrüsten – sich z.B. ein externes Mikro gönnen. Ach ja: Licht wirkt Wunder. Je mehr, desto besser. Eine 500 Watt Leuchte für Baustellen kostet 10 Euro im Baumarkt und fällt nur selten um. Ansonsten kann man sich auch eine Kamera leihen (ab 20 Euro am Tag).
Als Darsteller müssen natürlich Freunde oder schlimmstenfalls man selbst herhalten.
Fazit: Es gibt kaum noch Ausreden.

film-sprache.de: Danke für die Equipment-Tipps und Motivationshilfe.
Meine nächste Frage bzgl. der Entlohnung und hervorragenden Auswahl der Darsteller wurde damit auch schon beantwortet. Wir freuen uns auf weitere neue Massenproduktionen von Euch.
Abschließend noch zwei Fragen von Filmfan zu Filmfan:

Könnt Ihr Euch noch an den allerersten Film erinnern, den Ihr im Kino gesehen habt?
Bei mir war das, meine ich, Caprona - das vergessene Land (The Land That Time Forgot) von 1975 (oder der grandiose Nachfolger Der sechste Kontinent), der meinen Filmgeschmack nachhaltig geprägt hat.
Übrigens mit Doug McClure, der bei den Simpsons von Zeit zu Zeit Erwähnung findet. :O))

Und, wie lauten Deine/Eure Top 10 All-Time-Favorites? Abgesehen selbstverständlich von Eigenproduktionen.

neuemassenproduktion.de: Sascha: Bewusst erinnere ich mich an Krieg der Sterne (davon hatte ich dann auch das Hörspiel auf Vinyl) und Elliot, das Schmunzelmonster – da zählte ich 7 bzw. 8 Lenze. Elliot liebe ich bis heute über alles. Krieg der Sterne – na ja. Das Imperium schlägt zurück finde ich von der "Wasauchimmerlogie" bisher am besten, um nicht zu sagen richtig gut.

All-Time-Favorites. 10 werden der Sache mit Sicherheit nicht gerecht – ich schaue seit meinem 12.Geburtstag, an dem ich meinen eigenen Videothekenausweis bekam, praktisch täglich Filme. Dennoch – ohne Reihenfolge - eine spontan-fragmentarische Momentaufnahme der Filme, die definitiv zu meinen Lieblingen zählen:

neuemassenproduktion.de: Alex: Also an meinen ersten Kinofilm kann ich mich nicht mehr erinnern, das wird wohl irgendein Märchen aus dem osteuropäischen Raum gewesen sein – was halt so lief in der Zone. Woran ich mich jedoch noch sehr gut erinnere ist, dass ich mir mit 15 sieben Mal Dirty Dancing im Kino angeschaut habe und jedes Mal, wenn ich dann aus dem Kino kam, das Grau unserer Kleinstadt noch grauer empfand.

Geprägt hat mich dieses cineastische Highlight allerdings - obwohl ich mir von Zeit zu Zeit auch schon mal einen "Rosamunde Pilcher" gebe und natürlich täglich "Verbotene Liebe" schaue - nicht. Solche harten Schnulzen brauch ich hin und wieder, da mir Sascha meist nur "Dead-Filme" - auch liebevoll Monster-Movies genannt - vorsetzt, selbstverständlich ungeschnitten.

Eine Top 10 All-Time-Favorites aufzustellen, lehne ich prinzipiell ab. Generell glaube ich, das ist so und so eher so eine "Jungs-Geschichte": "Wer spielt zuerst Pacman, bis der Bildschirm schwarz wird?", "Wer trinkt 20 Becks und fährt danach am längsten Wheelie auf seinem BMX-Rad?", "Wer hat zuerst HDTV und entsprechende Filme auf der Blue Ray Disc?" und eben auch "Was sind die besten Filme aller Zeiten?".

Hmmm, also ich mag japanische Anime-Perlen (z.B. von Hayao Miyazaki), eigentlich generell asiatische Filme, ob nun aus Hong Kong (wie z.B. "Hong Kong Love Story", aber auch alte John Woo-Filme), China-Festland (z.B. Beijing Bicycle), Korea (z.B. "My Tutor Friend") oder natürlich Japan (z.B. von Kurosawa, Suzuki, Kitano und Miike) und sonst so einiges aus aller Welt.

Unsere persönlichen monatlichen Top-Ten-Listen kann man übrigens fassungslos auf unserer Homepage bestaunen.

neuemassenproduktion.de - Kurzfilme für lau
neuemassenproduktion.de - Neuester Deutscher Film - formvollendet
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Das Interview wurde per eMail vom 3. bis 6.Mai 2004 von film-sprache.de Herausgeber Lutz Düvel geführt.
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